Leben um zu arbeiten oder umgekehrt?

Das Bonmot „Ich lebe nicht, um zu arbeiten, sondern arbeite, um zu leben“ ist bekannt. Die Angehörigen des „Volkes der Werkler“ kennen es; schmunzeln gerne darüber. Eigentlich sollte die Reaktion des regen Deutschen viel tiefgründiger ausfallen und auf die Frage „Wie kann ich mich endlich aus der besinnungslosen Betriebsamkeit lösen?“ eine sinnvolle Antwort gefunden werden.

Dauerarbeiten ist meist von Hoffnungen angetrieben, dass es „irgendwann mal besser“ wird. Das hehre Ziel rückt aber nur vermeintlich näher. Stephan Grünewald kennt dieses Phänomen. Der Psychologe untersucht die Beziehung der Deutschen zu ihrer Arbeit und hat herausgefunden: „Wir flüchten uns in besinnungslose Betriebsamkeit“. Der Grund: eine gesamtgesellschaftliche Identitätsstörung. „Dem Deutschen fehlt ein klares Lebensbild“, sagte Grünewald der Zeitschrift ‘emotion’. Ohne dieser Orientierungshilfe „sind wir in einem permanenten Zustand der Ratlosigkeit und Sinnsuche.“

„Schöpferische Arbeitsprozesse“ sollen der inneren Unruhe entgegenwirken. Grünewald nennt das „Aufgehen im Werkeln“. Interessant allerdings: So sehr der Deutsche an seinem Hobbykeller, seiner Garage oder seiner Gartenarbeit hängt, es zieht ihn doch immer wieder in südliche Gefielde – nach Italien, nach Spanien, nach Frankreich? Sonne haben wir in Deutschland zur genüge. Liegt es vielleicht doch daran, dass im Süden das „Leben“ einen ganz anderen Stellenwert hat? Erkennt der deutsche Werkler das Rundum-Positive, die Art, zu genießen, das „strukturierende Lebensbild“ und wünscht er sich auch etwas in der Art für sich selbst?

Grünewald: „Es gibt Ansatzpunkte“, hierzulande die Einstellung zur Arbeit zu ändern. Aus dem Sich-Vorsagen ‘irgendwann lasse ich es mir gut gehen’ entwickle sich langsam das Nachdenken darüber, ob diese Belohnungsphase überhaupt eintritt, wenn man nichts dafür tut.

Wir Bayern nehmen in dieser Diskussion eine Sonderstellung ein. Dank unserer Bodenständigkeit und der Freude am Bewahren von Traditionen verfügen wir über ein klar orientiertes Lebensbild, das uns leitet.