Ausgebrannt: Der Mensch ist kein Automat!

Die Art zu arbeiten und zu leben ver­än­dert sich seit Jahr­hun­derten und passt sich ak­tuellen Strömun­gen an. Das 21. Jahrhundert nun, es zwingt traditionelle Mo­delle radikal in den Hin­ter­grund. Ver­net­zung, Auto­ma­ti­sie­rung und virtuelle Mobilität ersetzen manuelle Arbeitskraft mit geis­tiger Anstrengung. Zu körperlicher Erschöpfung gesellt sich nun auch die Abnahme psychischer Kraft.

Mit dem Wandel von der mittlerweile klassischen Industrie-Gesellschaft mit Fixierung auf körperliche Tätigkeiten hin zur Dienstleistungsgesellschaft Ende des vergangenen Jahrhunderts wandelte sich auch das Bewusstsein für den Körper.

Arbeit = Leistung mal Zeit. Dieses physikalische Gesetz wurde insofern relativiert, als das Ergebnis aus dem Produkt mit weniger körperlichem Aufwand erzielt werden konnte. Die Nachkriegsgesellschaft jedoch, sie war gerade in Deutschland darauf fixiert, dem Körper stets oft mehr als nur aus­reichend Energie zuzu­füh­ren. Dass der ei­gent­liche tägliche tat­säch­liche Energiebedarf mit weit weniger Nahrung erzielt werden kann, dessen wurde man sich erst später bewusst. Wann genau, lässt sich nicht exakt festlegen. Diäten gab es schon immer. Was sich allerdings sagen lässt ist, dass wohl spätestens die Formula-Diäten in den 90er Jah­ren das Bewusstsein zum Umdenken anregten. “For­mula” bedeutet, dass Nähr­stoffe nicht mehr voll­stän­­dig über feste Nahrung zu­geführt, sondern teils­ durch Fertig-Ge­tränke oder mit Nährstoffpulver ver­­setzter Flüssigkeit auf­ge­nommen werden. Die Her­steller verspra­chen sei­nerzeit Ge­wichts­­ab­­nah­­me von mehreren Ki­los pro Woche. Nebenbei zwei Nachteile: Die Er­näh­rung war meist teurer als mit normalen Lebens­mit­teln und die Diäten führten meistens zu einem Jo-Jo-Effekt, da der Körper auf Spar­maßnahme läuft.

Immer wieder während dieser Wand­­lungsphasen der Gesellschaft sorg­ten Sportaktionen in den Me­dien auch für Umdenken im Bereich Be­wegung. Fitnesspapst Ulrich Strunz leitete etwa 1999 das “Jahr­zehnt der Bewegung” ein. Der GRÜNE-Politiker Joschka Fischer lief mehrere Marathons und sorgte als ein Puzzle-Stück in der Mehr-Be­wegungs-Gesellschaft für ein Bewusstsein, das bis heute anhält. Bewegung ist eine der großen Ausgleichs-Möglichkeiten in der Dienstleistungsgesellschaft.

Der Bruch ins Extreme
Wie ist das nun mit den Verände­run­gen im 21. Jahrhundert? Neh­men wir nun die Worte des Sozialwissen­schaft­­lers Mein­hard Miegel aus der Süd­deutschen Zeitung vom 20. September 2011 und formulieren sie etwas salopp um: Die rosigen Zeiten sind vorbei. Miegel: “Wir stehen jetzt im Wett­bewerb mit Milliarden Menschen, von denen viele genauso qualifiziert und mo­ti­viert sind wie wir, aber ihre Dienste weit billiger anbieten.” Zum Beispiel BRICS-Länder: Brasilien, Russland, Indien, China, Südafrika. Mie­gel sieht für uns, “die Völker der früh industrialisierten Länder (…) ge­rade das Ende eines materiell gol­denen Zeitalters.” Diese Vision zeich­­net sich nicht nur ab sondern ma­nifes­tiert sich in unserer Gesell­schaft.

Um für sich selbst den ge­wohnten Stand­ard zu halten und mit der welt­weiten Konkurrenz mit­halten zu können, müssen gerade die west­lichen Länder nun mehr ar­beiten für oft weniger Geld. Sprich: Die Leistung muss erhöht werden. Leistung ist, um erneut auf das phy­sikalische Gesetz zurückzu­kom­men, Arbeit geteilt durch Zeit. Arbeite ich also mehr in der selben Zeit, erhöht sich die Leistung. Umgekehrt, und das berücksichtigt das Prinzip nicht, gerate ich als In­di­viduum immer mehr in Psychische Erschöpfung. Die Moderne hat dafür ein Wort erfunden, das, um es mit spitzer Zunge zu sagen, fast ein Modebegriff geworden ist: “Burn-Out”. Und dieses Ausgebrannt-Sein beginnt bereits in jungen Jahren. Meinhard Miegel sagt zwar, dass dieses “härter arbeiten (…) und trotz­dem einen materiell niedri­ge­ren Lebensstandard haben” erst in wenigen Jahren eintreten wer­de, es bereits jedoch für viele Rea­lität ist. Die Leistung wird – vielleicht unbewusst – bis zu einem unde­finierten Höhepunkt gesteigert.

Die­ser “Spirale der Erschöpfung” kann man nur her werden, wenn man sich darüber klar wird, was man in dieser ungünstigen, von Schul­­denkrisen und negativen Su­per­lativen geprägten Grundsi­tua­tion tatsächlich erreichen möchte: Mit weniger zufrieden sein, sein Yin und Yang wieder ins Gleichgewicht bringen. Gleichgewicht heißt, dass der Tag aus 12 Stunden Aktivität (Ar­beit, Sport, Hobbies) und 12 Stun­den Ruhephase (Schlaf, Essen in Ge­sell­schaft, Ruhen, Körperpflege) be­steht.

Einfachste Regeln: Handy aus. Arbeit und Freizeit abgrenzen. 24 Stunden Erreichbarkeit via Internet? Das macht Körper, Geist und Seele kaputt. Die ständige Spannung, ob ich gebraucht werde, hält den Menschen immer auf “Stand-by”. Der Mensch ist keine Maschine auf Bereitschaftsbetrieb. Der Mensch ist immer noch Mensch. “Leben!”

Von Rainer Wittmann