Lieber selbstbestimmt als fremdgesteuert

Oft steht man an einem Scheideweg. Das Leben ändern oder einfach nur neu be­ginnen. Der Beruf zehrt nicht nur physisch, nein auch psychisch hin­ter­lässt der Wunsch, Erfolg zu haben, seine Spuren. Irgend­wann – und hoffentlich nicht zu spät – ist es wichtig, eine Ent­scheidung zu treffen: Druck vervielfachen oder einen neuen Weg einschlagen?

In ihrem Buch “Bevor der Job krank macht” zeigen Dr. med. Hans-Peter Unger, Chefarzt der Klinik für Psychi­a­trie und Psychotherapie im Zentrum für Seelische Gesundheit der Asklepios Kli­nik Hamburg-Harburg und die Journa­lis­tin Carola Kleinschmidt die negativen Fa­­cetten der heutigen Stresswelt auf. Eine der grundsätzlichen Fragen, die man aufwirft ist: Ist Depression in erster Linie eine Er­kran­kung des Gehirns oder kommen da mehrere Faktoren zusammen. Letzteres sehen die beiden Autoren klar und deutlich. Stufe für Stufe führe der Weg abwärts bis hin zum psychischen Exodus. Die “Spirale der Erschöpfung” beginnt mit Schmerzen aller Art, gefolgt von Schlafstörungen und Energie­ver­lust. Symptome, die auch andere Di­ag­nosen zuließen. Oft versucht man, die­se ver­meintlich temporären Pro­bleme mit Me­dikamenten in Griff zu bekom­men. “Ich will ja weiter ma­­chen”, oder “Ich muss ja noch was schaf­fen” spornen das Unterbewusst­sein an, nicht aufzugeben. In die­sen, sa­gen wir Wahn, treffen un­ver­mittelt weitere Faktoren ein, die Körper und Geist wei­ter schwächen: Gedan­ken­en­ge (”Ich kann die Si­tu­a­ti­on nicht ändern”), Reiz­­bar­keit, Kränkbarkeit bis hin zu aggressiven Aus­brüchen.

Die Spirale wird enger. Kon­­­zentrations- und Ge­dächt­nisprobleme fordern ih­ren Tri­but: Mehrarbeit (”Ich muss meine Aufga­ben doch schaf­fen.”) Und dennoch klappt nichts mehr wie noch vor ein paar Monaten. Das Burn-Out-Syndrom ist in vollem Gange. Fehlt nicht mehr viel zum Zusammenbruch. Über­stunden belasten nicht nur den, der sie macht sondern auch sei­ne Familie, Freunde und Bekannte. So­zialer Rückzug, Schuldgefühle, Grü­­belattacken, Motivations- und In­­teresselosigkeit. Jetzt wird es schon sehr eng. Hans Peter Unger und Carola Kleinschmidt sehen hier oh­­ne professionelle Hilfe kaum noch einen Ausweg. Die Stimmung schwankt enorm, gar kommen su­i­zi­­dale Gedanken auf, Apathie, quä­len­de innere Unruhe. Was folgt erst ein­mal das Ende: Die De­pression.

Fremdbestimmung brennt den Menschen aus
In den 1990er Jahren waren vor al­lem Lehrer oder Beschäftigte im so­zi­alen Dienst gefangen in dieser Spi­rale der Erschöpfung. Zwischen­zeit­lich ist Burn-Out und dessen Fol­gen in alle Schichten durchgedrungen.

Ein Beispiel: Mann, 38 Jahre alt, verheiratet, Vater von drei Kindern, seit kurzem selbstständig. Lebt aus dem Koffer, arbeitet Wochen in Folge 16 Stunden am Tag, ernährt sich unbewusst, trinkt Alkohol, raucht, schläft wenig. Im Neben­beruf ist er Vereinschef in regionaler Verantwortung, plant neue Projekte und fühlt sich für alles verantwort­lich. Ein neuer Burn-Out-Kandidat?

“Was Menschen wirklich ausbren­nen lässt, hat weniger mit der Ar­beits­­last zu tun, sondern mit dem Maß an Fremdbestimmung im Le­ben.” Prof. Dr. Lothar Seiwert bringt das zentrale Problem in seinem neu­en Buch auf den Punkt. Von Treibern, die zu „Getriebenen der eigenen Pro­­jek­te und Aufgaben werden“, schreibt das Manager-Magazin (11/2011)

War selbständig und selbst­be­stim­mend arbeiten nicht immer ein heh­res Ziel eines jeden Menschen? Heut­­zutage verliert man allerdings in allen Ebenen den Blick für das “Gleich­ge­wicht zwischen äußerem An­spruch und den eigenen inneren Bedürf­nissen”, so Psychosomatiker Dr. Heinz Golling im Interview mit dem Manager-Magazin.

Gleichgewicht, auf einen einfachen Nen­ner gebracht, bedeutet dass der Tag aus 12 Stunden Aktivität (Ar­beit, Sport, Hobbies) und 12 Stun­den Ru­he­phase (Schlaf, Essen in Ge­sell­schaft, Ruhen, Körperpflege) be­steht. Das Leben wieder auf Wesentliches reduzieren: Nicht überall dabei sein müssen, nicht jedes Problem an sich ziehen, nicht über alles und zu jedem Zeitpunkt Bescheid wissen müssen (CAVE: soziale Netzwerke).

Gründlichkeit ist grundsätzlich posi­tiv. Perfektio­nis­mus jedoch schlägt negativ auf das Gemüt, auf die Psy­che.

“Vitalitätsbatterien neu aufladen”
Nehmen Sie sich einmal wieder so richtig Zeit für sich selbst. Auch wenn es am Anfang nur eine Stunde ist. Ein herrliches Essen genießen, etwas gutes Trinken. Draußen in der Natur sein, bewusst die Natür­lichkeit erleben, das Spiel der Natur. Für Dr. Heinz Golling von der Klinik „Chiemseeblick“ ist das ein wich­tiger Aspekt „um die Vitalitäts­batte­­rien neu und kräftig aufzuladen“.

Aus kleinen Schritten, Pausen und Auszeiten entwickelt sich bald mehr und Sie werden feststellen, dass es Sie besser stimmt, selbstbestimmt zu sein, als fremdgesteuert zu werden.

Von Rainer Wittmann