Oh mein Gott, wir haben Winter!

Reduziert sich die verbale Interaktion auf das Thema Wet­ter, liegt dieser pein­lichen Si­tuation meist ein kom­mu­nikativer Tief­punkt zu­grun­de. Tief sind die Tem­peraturen und eben­so tief die Stimmung in Deutsch­land. Oh mein Gott, es ist Winter!

Die Meldungen überschlagen sich. Me­dien aller Couleur kolportieren Mi­nusgrade wie beim Winterschluss­ver­kauf. Gepaart mit Werbung für Me­di­kamente und antivirale Fitmacher, Vit­a­min­präparate und spurenhinterlas­sen­de Elemente, buhlt man um die noch nicht gänzlich aufgewachten Kinder des Som­mers: “Let the sunshine in…!”

Die bunten Blätter dramatisieren jedes Mi­nus­grad und selbst die Öffentlich-Recht­lichen verpras­sen kostbare Sen­dezeit. Mehr Minusgrade ma­chen mehr Mon­e­ten. Gibt’s nichts Wichtigeres?

Die ganze Welt krankt: Krisen, Krieg und Kon­tro­versen. Deutschland hingegen dra­­ma­ti­siert das Normalste auf der Welt: Die Jah­reszeiten und deren kli­ma­­techni­schen Ka­pri­olen. Da kom­men selbst ein Herr Wulff und dessen Ex-Sprecher Olaf G. oder die Syrien-Debatte zu kurz.Früher, als ich meine ersten Zeilen auf der Schreibmaschine tippen durfte, war das Wetter freilich auch schon Thema. Ein Artikel sollte reichen. Vielleicht zwei. Da­mit war es aber dann auch gut. Journalistische Höchst­form bedeutete früher et­was Anderes.

Die Dummheit des 21. Jahrhunderts
Die primitive physikalische Kenntnis, dass ein Ther­mo­me­ter Plus- und Mi­nus-Grade an­zeigen kann, reicht heut­zutage für ei­nen Journa­lis­ten aus, Mil­li­o­nen von Men­schen in Angst und Schrecken ver­setzen zu dür­fen. Ich schä­me mich oft dafür, auch ei­ner von ihnen sein zu müs­sen. Obwohl ich bereits vor Jahren aufgehört ha­be, einer von ihnen zu sein.

Schluss mit der Polemik, reden wir mal Tacheles. Dass wir momentan schein­bar erhöhte Minus­grade ha­ben, hat sicherlich etwas mit der all­gemeinen globalen Er­wärmung zu tun. (Siehe „Golf­strom“ bei Google). Und dennoch ist diese ganze Hysterie nur medien­gesteuert.

Halten wir uns immer noch vor Au­gen: Wir haben Winter! Und Re­kord­grade sind das noch lange nicht. Den Kälterekord hält – und das seit über 80 Jahren – Wolnzach in Ober­bayern. Dort wurden am 12. Februar 1929 minus 37,8 Grad Celsius ge­mes­sen. In der Ober­pfalz hatte es im Februar 1956 in Weiden übri­gens minus 32,8 Grad Celsius.

Dass wir in Deutschland mit solchen Ex­tremen leben müssen (Mittel­meer­flair im Sommer und arktische Grad im Winter) ist ebenso normal.

Der Me­te­o­rologe Thomas Ruppert vom Deut­schen Wetterdienst sagte ge­gen­über der dpa: „Eine derartige Wetter­kon­stel­lation kommt bei uns alle 20 bis 30 Jah­re vor, letztmalig 1986 und 1956.“

Das Bayerische Landesamt für Um­welt beschreibt in seiner Publikation „Das Klima der Vergangenheit“ die „Klei­ne Eiszeit“. Sie dauerte von 1300 bis 1850 nach Christus: „Bereits im 14. Jahrhundert setzte (…) ein Wan­del zu kaltem und wechselhaftem Klima ein. 1342 kam es nach einem mehrtägigen wolkenbruchartigen Dauerregen zu einer Jahrtausendflut. Der Boden auf den damals riesigen land­wirtschaftlichen Flächen war größtenteils ungeschützt und so wa­ren die Bodenverluste gewaltig. In­ner­halb weniger Generationen hal­bier­ten Hungersnöte, Pest­epidemien, Auswan­derungswellen und krie­ge­rische Auseinandersetzungen die Be­völ­kerung Europas. Insgesamt fanden während der Kleinen Eiszeit mehrere Abkühlungen und Erwärmungen statt.“

Und weiter: „Besonders im Norden Eu­ropas waren die Folgen der Ab­kühlung katastrophal. (..) Vor allem zu Beginn der Kleinen Eiszeit waren die Bevölkerungsverluste enorm. Im wei­teren Verlauf konnte sich die Be­völkerung, unter anderem wegen tech­nischer Fortschritte und der bes­seren Anpassung an die klimatischen Ver­hältnisse, wieder erholen. Die Klei­ne Eiszeit dauerte bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts und hatte ihren Hö­henpunkt etwa um 1640, zur Zeit des 30-jährigen Krieges.“

Veränderungen innerhalb der Ge­sell­schaft hatten sich über Jahrhunderte aus der Situation ergeben; nicht durch sich globalisierende Medien­schwem­me.

Ein Nachteil freilich, weil die War­nun­gen oft zu spät oder gar nicht an­kamen wo sie sollten. Ein Vorteil je­doch, weil man sich so künstlich hoch gezüchtete Massenhysterien wie aktuell ersparen und friedlicher leben konnte!

Und nun wünschen wir einen schönen kalten Winter, so wie es sich für unser Bayernland gehört.

Von Rainer Wittmann