Nutze die Intensität des Augenblicks

Phasen absichts­lo­sen Nichtstuns be­deu­ten Lebens­ener­gie. Sie fördern nicht nur die Regeneration und stärken das Gedächt­nis, sondern sind auch die Voraussetzung für Ein­falls­reichtum und Kreativität. Gro­ße Ideen brauchen vor allem eines: Zeit und Muße.

Das sagt jemand, der ganz gewiss auch die andere Seite sehr wohl und genau kennt: Ulrich Schnabel, gebo­ren 1962, studierte Physik und Publi­zis­tik in Karlsruhe und Berlin und ist Wissenschaftsredakteur bei der ZEIT. Für so manchen unter uns ist das Wort „Muße“ in der heutigen Zeit nur noch ein selbiges. Der Duden definiert Muße als „Beschaulichkeit, Dolcefarniente, fre­ie Zeit, Freizeit, Mußestunde, Nichtstun, Ruhe[pause], Stille“. Mal ehrlich: Wann hatten Sie das letzte Mal so richtig Zeit fürs Nichtstun?

Muße, so Ulrich Schnabel, erfordere bei weitem keine großen Anstren­gungen oder Vorbereitungen. Es würde schon reichen, sich ge­müt­lich auf den Balkon zu setzen und einfach nichts zu tun. Der klassische Deut­sche als Konsum­mensch jedoch,. er be­trachte selbst die Muße als konsu­mier­ba­res Gut und sei der Ansicht, dass man auch fürs Nichtstun erst einmal bezahlen müsse. Ganz weit weg fahren, damit man niemand an­deren sieht, einen teuren Wel­l­ness-Urlaub buchen, weil je mehr was kostet, desto besser ja das Er­gebnis, oder Kurse bei einem teu­ren, da renom­mierten Ent­span­nungs­­lehrer buchen. „Je exo­­­ti­scher und auf­wän­di­ger desto mehr Muße?“

„Statt sich den Stress ei­ner Fernreise zu ‘gön­nen’, käme der Muße vermutlich näher, wenn man das Geld vier Wo­chen in eine Köchin und einen Butler investierte und sich zu Hause einmal richtig verwöhnen ließe“, schreibt Schnabel. Doch der Konsummensch erwarte von Mußezeiten eben auch gleich ein besonderes Erlebnis: die außergewöhnlich wohlige Ent­spannung, den rundum gelun­ge­nen Urlaub, den ungetrübten Mu­sikgenuss, die harmonische Zeit mit der Familie – und, so Schnabel, ei­nem weiteren Missverständnis: „Mit diesen Ansprüchen setzen wir aus­gerechnet jene Auszeiten, in de­nen es einmal nichts zu leisten gilt, wieder unter einen Er­war­tungs­druck.“

Muße sei nicht auf Knopfdruck zu verwirklichen. Sie bedürfe vor allem einer Sache: ausreichend Zeit. Wer die nicht hat, unterwerfe sich prompt wieder „jedem Effizienz­den­ken, das bereits unseren ge­sam­ten Arbeitsalltag regiert.“

Muße – um mit einem weiteren Miss­verständnis aufzuräumen, be­deute auch nicht, die freie Zeit einfach zu vertrödeln.

Die Kunst der Muße habe also letztlich nichts mit der Zeit der freien Stunden zu tun, sondern mit einer Haltung. „Muße“, so drückt es die österreichische Soziologin und Wissenschaftsforscherin Helga Nowotny aus, “ ist die Intensität des Augenblicks, der sich zeitlich zu Stun­den oder Tagen ausdehnen kann, um sich auf ein Einziges zu konzentrieren: Eigenzeit.“

Eben diese Eigenzeit könne vieles sein: ein intensives Gespräch eben­so wie Musikgenuss oder ein span­nendes Arbeitsprojekt, sie könne spielerisch oder ernsthaft sein, zielorientiert oder suchend, aber sie werde immer charakterisiert durch eine Eigenschaft: „Muße ist die Über­einstimmung zwischen mir und dem, worauf es in meinem Le­ben ankommt.“