Wie Lange Durfte Er Kind Sein?
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Wie lange durfte er Kind sein?

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Noch bevor das Kind überhaupt seine Muttersprache richtig beherrscht steht schon die erste Fremdsprache auf dem Plan. Immer mehr und immer komprimierteres Wissen, am besten Gymnasium, Abitur schon mit 17. Den ersten Studienabschluss dann günstigstenfalls mit 21. „Jugendliche werden (immer mehr) zum Objekt der Erwachsenen, der Bildungsplaner, der Wirtschaft.“ Dieser Meinung ist Prof. Dr. Claus Tully. Er arbeitet am Deutschen Jugendinstitut in München. Mir persönlich erscheint diese Entwicklung eher kontraproduktiv. Sicher sind viele 15-jährige scheinbar schlauer als jene zwei, drei Generationen früher. Doch haben sie wegen der dehydrierten Bildung-to-go-Politik ihrer Bestimmer in den meisten eines verpasst: Soziale Integration und ihre ganze Jugend. Die gibt‘s leider nicht „zum Mitnehmen“.

Ein Leben auf der Kippe zur Frustration
Bildung, Politik und Wirtschaft zwingen die jungen Generationen dazu, zu funktionieren, nur zu funktionieren. Mehr müssen sie nicht. Mit 30 haben sie eh keine Chance mehr auf dem Arbeitsmarkt, also: Carpe diem bis dahin. „Kinder kommen heute so früh wie noch nie in der Menschheitsgeschichte in die Lebensphase Jugend hinein. Dann aber streckt und streckt sie sich, und man kann gar nicht erkennen, wann sie denn vorbei ist. Das liegt daran, dass vor allem die berufliche Ausbildung – und damit der Dreh- und Angelpunkt der gesamten gesellschaftlichen Zukunft – so schwer voraussehbar ist“, sagte Klaus Hurrelmann, Professor für Sozial- und Gesundheitswissenschaften vor nun schon sechs Jahren gegenüber der ARD.

Frage: Wenn man schon die Kindheit stiehlt, die Jugend mit Zwängen und vermeintlichen Notwendigkeiten kontaminiert, den jungen Generationen soziale Kompetenz gerade mal theoretisch darlegt und ihnen keine Zukunft darstellen kann, wie weit ist dann der Schritt zur Frustration und Resignation?

Wann ist die richtige Zeit für den Absprung?
Je länger man früher im „Hotel Mama“ verweilte, desto häufiger wurde man von seinem Umfeld belächelt und gehänselt. Die Generationen der bis zum Ende der 1970er Jahre geborenen hatten es auch nicht gerade leicht, sich von zu Hause abzukapseln und auf eigenen Beinen zu stehen. Jedoch: Die Rahmenbedingungen waren andere. Und so war es für die meisten viel einfacher, den passenden Zeitpunkt für den Absprung zu schaffen. Hinzu kam, dass sie in Ermangelung der technischen Möglichkeiten, ihre „Freunde“ nicht virtuell an den Bildschirm pinnten sondern echte soziale Bindungen aufbauen konnten. Diese wiederum sollten ihnen auf dem Lebensweg immer wieder behilflich sein und in vielen Lebenslagen mit Rat und Tat zur Seite stehen.

Die heute 15-jährigen „wissen nicht, was sie erwartet“, erkennt Prof. Dr. Claus Tully. Der soziale Aufstieg gelänge nur noch selten. Die nachwachsende Generation richte sich „pragmatisch in den vorgefundenen Verhältnissen ein.“ Weil das Leben „nicht mehr langfristig planbar“ sei, hangeln sich die jungen Menschen „von Option zu Option.“

Die unvorhersehbare Zukunft lässt für persönliche Planungen nicht viel Raum. Und nach so viel Input steht so mancher Tor so klug da wie zuvor. Feste, zum Überleben dotierte Arbeitsverträge sind Mangelware. Arbeitsüberlassungen greifen Studienabgänger bereits vor dem Examen ab und zwingen sie geradezu für wenig Geld zu arbeiten. Vom Leistungsdruck hinein in den finanziellen Überlebenskampf. War‘s das? Wann gesteht man den jungen Menschen den Eintritt in die vor allem psychisch betrachtet wichtige Phase der ökonomischen Selbständigkeit zu?

Jugendliche brauchen wieder Verlässlichkeit
Viele Experten sind sich einig: Der Druck, der auf den Jugendlichen lastet, ist zu hoch. Die Erwartungshaltung der Erwachsenen und der Gesellschaft im Allgemeinen überfordert die junge Generation. Es könne nicht das Ziel eines Sozialstaates sein, Menschen gegenseitig auszuspielen und abzugrenzen. Jeder, und vor allem junge Menschen, brauchen die Möglichkeit, sich zu entwickeln und sich in die Gesellschaft einzufügen.

„Wir brauchen nicht nur Einser-Kandidaten. Eine wirklich zukunftsfähige Gesellschaft zeichnet sich dadurch aus, dass sie für alle Fähigkeiten einen Platz bietet“, schrieb die Autorin Martina Fietz im FOCUS. Nicht jeder müsse das Abitur machen, nicht nur der akademische Abschluss habe seinen Wert. „Es kommt darauf an, jedem Jugendlichen den seinen Talenten entsprechenden Weg aufzuweisen. Das ist mehr an sozialer Gerechtigkeit als der fortwährende Versuch der Gleichschaltung in Schule und Beruf.“

Allgemeiner fasst sich Prof. Dr. Claus Tilly: „Wir brauchen (…) soziale Perspektiven, an denen sich Neuerungen bemessen lassen.“ Erst dann könnten auch Jugendliche für sich einen Platz in der Gesellschaft sehen. Kurz: „Jugendliche brauchen Verlässlichkeit.“ Es reiche nicht, ihnen zu sagen, dass sich schon „irgendwie“ neue Möglichkeiten einstellen werden. „Erwachsen zu werden bedeutet, Verantwortung für sich und andere zu übernehmen.“

Um zum Schluss nochmals Goethe zu zitieren: „Das Schicksal jedes Volkes und jeder Zeit hängt von den Menschen unter 25 Jahren ab.“

Von Rainer Wittmann