Immer Mehr Mobile Anwendungen Drängen Auf Den Markt. Foto: (c) Alexey_boldin - Fotolia.com
Immer mehr mobile Anwendungen drängen auf den Markt. Foto: (c) alexey_boldin - fotolia.com

Dr. Smartphone geht in die Offensive

Zur PDF-Datei
Zur PDF-Datei

Sie checken den Blutdruck, sollen beim Abnehmen helfen, zählen Schritte, schicken den persönlichen Fitness-Coach in die Wüste, sollen für besseres Schlafen sorgen und ersetzen gar mit Hilfe moderner Video-Konferenz-Methoden den Gang zum Arzt. Mobile Apps (App: Neudeutsches Wort für installierbares Programm auf prozessorgestützten End-Geräten) von „Apple, Google und Co greifen Ärzte, Pharmakonzerne und Versicherer an“, schreibt die Wirtschaftswoche in Ihrer Ausgabe 37/2014. Milliarden werden in neue Startup-Unternehmen finanziert, um so schnell als möglich und so viel möglich immer wieder neue Wünsche und Ideen umzusetzen. Können tragbare Telefone wirklich einen Arzt ersetzen? Oder ist das alles nur Geschäftemacherei?

Sicher gibt es viele gute Ansätze. Der Pillen-Prüfer zum Beispiel. Er ist eine tolle Sache für Menschen, die regelmäßig Tabletten einnehmen müssen. Arzneidosen mit Funk-Chip und Tabletten-Tagebücher als App erinnern an die nächste Einnahme. Auch die Patienten-Kladde (süddeutsch: Manuskript, Konzept) ist gewiss ein großer Fortschritt. Chirurgen sehen dank dieses Programms Befunde und Bilder von Patienten auf dem Display oder in ihrer Datenbrille.

Der große Vorteil von Apps: Sie speichern alle Daten, die man ihnen zur Verfügung stellt. Mehr, als ein gewöhnliches Gehirn speichern kann. Aber: „Wer die digitalen Gesundheitshelfer nutzt, emanzipiert sich zwar von den klassischen Medizinern, begibt sich aber in neue Abhängigkeiten“, so die Wirtschaftswoche weiter. Man sollte sich nämlich auch mal die Frage stellen, was mit den ganzen Daten passiert, die man ohne viel darüber nachzudenken mit Hilfe von Apps sammelt. Wo werden sie gespeichert? Wer greift darauf zu? Oder wissen Sie, wie oft Ihr Smartphone sensible Daten zu Apple, Google und Co funkt?

Prof. Franz Porzsolt von der Universität in Ulm sieht durchaus Chancen für die Internet-Medizin. Jedoch bezweifelt auch er die Sicherheit der Daten. Und: „Die meisten werden viele der angebotenen Leistungen – die sie aus eigener Tasche zahlen – nicht verstehen und allen möglichen Fehlinterpretationen aufsitzen, die sie verunsichern.“ Nicht jeder Patient ist Arzt. Nicht jeder Patient hat deshalb umfangreiches Hintergrund- bzw. Transferwissen. So sieht Prof. Porzsolt auch einen Anstieg der Kosten im Gesundheitswesen, da die Diagnosen der Programme Fragen aufwürfen, die Folgeuntersuchungen nach sich zögen.

Mittlerweile existieren geschätzt über 100.000 verschiedene Apps, die Krankheiten diagnostizieren und jede Körperregung überwachen sollen. Urs-Vito Albrecht, App-Experte an der Medizinischen Hochschule Hannover bewertete die App-Entwicklungen gegenüber dem SPIEGEL (März 2013) als durchaus positiv: „Sie können Menschen dazu bringen, sich mehr mit ihrer Krankheit auseinanderzusetzen.“ Doch bliebe oft unklar, inwiefern ein Anbieter die angepriesenen Leistungen zuverlässig bringen könne. Daher, so Albrecht, sollten die Hersteller die wesentlichen Informationen über ihre App für die Kunden verständlich zusammenfassen und zum Beispiel im jeweiligen App-Store veröffentlichen. „So kann der Nutzer besser entscheiden, ob er der App vertrauen möchte“, sagt der Arzt.

Jedes Zipperlein will behandelt sein
Wie sich kranke Menschen von „virtuellen Experten“ beeinflussen lassen
Gesundheit ist das Wichtigste, was wir haben ­– dürfen. Und weil wir nur eine haben, treibt manchen von uns schon das kleinste Zipperlein nahezu in den Wahnsinn.

Bevor man zum Arzt geht, kann man ja erst einmal alles „googeln“. Denn Suchmaschinen haben wirklich für jeden etwas parat. So auch für Hans P. (Name geändert). Er leidet stressbedingt regelmäßig unter einer mittlerweile fast böswillig-chronischen Seitenstrang-Angina. Und jedes Mal ertappt er sich wieder dabei, im Internet nachzuschlagen, ob es denn für seine Halsschmerzen vielleicht nicht doch schon etwas Neues gibt. Zig Foren hat er schon durchstöbert, Ärzteseiten durchforstet, Hausmittel ausprobiert, Medikamente nach Hause geschleppt. Alles deshalb, weil das Internet ja immer alles besser weiß, als man selbst oder der Arztr. Und was hat es ihm gebracht? Jetzt sitzt er wieder da mit einer bösen Angina und weiß nicht weiter.

Was haben Menschen eigentlich früher gemacht, als es kein Internet gab, keine Apps, die mittlerweile gar den Blutzuckerspiegel via Urin messen sollen. Was haben Menschen gemacht, als es noch keine Technik gab, der sie vertrauen möchten? „Gesunder Menschenverstand“ lautete das Zauberwort; auf sich selbst hören, sich darüber Gedanken machen, was man falsch gemacht haben könnte und was man ändern sollte. Diese Gabe hat man von Haus aus, man muss sie nur nutzen.

Von Rainer Wittmann