Das Gehirn (3): Der Herrscher über Unser Selbst
Die Gier nach Anerkennung und das Problem der Manipulation. Foto: (c) yekophoto - depositphotos.com

Das Gehirn (3): Der Herrscher über unser selbst

Teil 3: Das Gehirn –
der Herrscher über unser

Das Gehirn giert nach Anerkennung und ist sehr einfach zu manipulieren. Aufgefallen ist mir das, als ich selbst vor Jahren unter einer digitalen Abhängigkeit litt. Es war eines dieser bekannten Online-Spiele, die mich, also mein Gehirn, tagtäglich dazu zwangen, immer und immer wieder besser zu sein als die anderen. Ich vergaß die Arbeit, konzentrierte mich nur noch auf das Spielen und versuchte mit anderen, ebenso digital manipulierten Spielern, meinem Gehirn Genugtuung zu verschaffen und Pseudo-Glücklichkeit vorzugaukeln. Es dauerte sehr lange, bis der Tic-Tac-Toe-Effekt eintrat und ich schlussendlich verstand, dass ich selbst Herrscher über mein Selbst sein und die von außen inszenierte Manipulation nun ein Ende haben müsse. Ich löschte das Spiel, ich löschte meine virtuellen Freunde und kam geläutert wieder in der Realität an.  Es geschafft zu haben, darüber bin ich sehr glücklich. Vier verspielte Jahre.

Seitdem sehe ich alles mit anderen Augen. Ich sehe auch die Menschen in den sozialen Netzwerken, wie sie nach Anerkennung gieren. Ich sehe, wie sie sich tagtäglich zur Schau stellen, in Erwartung, dass sich jemand anders freut über das was sie gerade tun. Das Leben im Binär-System zwischen Nullen und Einsen ist mittlerweile eine neue, den Menschen beherrschende Sucht geworden.

Der Mensch reduziert sich selbst auf 1400 Gramm
Die Kernfrage, die sich die Süddeutsche Zeitung am 12. November 2015 unter dem Titel „Die Gier nach Likes“ stellte, war, warum es sich gut anfühlt, wenn jemand in sozialen Netzwerken wohlwohlende Bekundungen erhält.

Die Antwort liegt im untereren Vorderhirn und lautet Nucleus accumbens. Die Kernstruktur spielt eine zentrale Rolle im mesolimbischen System, dem  sogenannten Belohnungssystem des Gehirns sowie bei der Entstehung von Sucht. Dabei geht es um jedwede Form von Sucht: nach Zucker, nach Nikotin, nach Alkohl, und auch nach Anerkennung. Wird das Gehirn belohnt, wird Dopamin ausgeschüttet. Der Neurotransmitter wird im Volksmund auch als „Glückshormon“ bezeichnet. So schließt sich der Kreis.

Für den Steinzeitmenschen, so schreibt die SZ, war das Süße einer Frucht wie Kirsche oder Erdbeere der Hinweis auf besonders energiereiche Nahrung. Diese Früchte enthalten neben Zucker auch Vitamine und andere lebenswichtige Stoffe. Deshalb wurde diese Nahrungsaufnahme mit Dopamin Ausschüttung im Belohnungszentrum erfüllt, womit ein Überlebensvorteil entstand.

Laut einer Studie der Universität Princeton hat sich gezeigt, dass Menschen im persönlichen Gespräch etwa 30 bis 40 Prozent der Zeit über sich selbst und ihre Erfahrungen sprechen. Im Online-Chat sind es dagegen 80 Prozent und mehr, wodurch das Belohnungssystem stimuliert werde und man sich besser fühle.  Dies sei der Hauptgrund für das unkritische Offenlegen aller möglicher persönlicher Dinge.

Mehrere Milliarden Menschen sind Teil von sozialen Netzwerken, sie teilen täglich Milliarden von Gedanken, Wünschen, Hoffnungen. Sie teilen täglich ihr Leid, ihre Sorgen und ihre Wünsche. Sie teilen ihr ganzes Leben. Und sie wünschen sich, dass es irgendwo anders jemanden gibt, der ihnen beipflichtet. Von der Theorie her eine tolle Sache, jedoch verändert sich dadurch das Leben jedes einzelnen vollständig. Meist zu spät oder gar nicht merkt er, dass ihn die Neurotransmitter im Gehirn unter Kontrolle haben.
Das persönliche Gespräch gerät ins Hintertreffen. Man kommuniziert nur noch über Chat oder virtuelle Signale und Bildchen. Rechtschreibung sei mal dahin gestellt, weil die anscheiend eh niemanden mehr interessiert. Der Mensch reduziert sich selbst auf 1400 Gramm Gehirnmasse, die ihn vollkommen unter Kontrolle hat. Soziale Kontakte? Hab ich, ja, virtuell. Freunde? Tausende, auch virtuell. Ein Leben?

Ist man erst einmal gefangen in einem sozialen Netzwerk, ist Manipulation nicht weit. Medien wissen das und nutzen dieses Mittel tagtäglich.

Text: Rainer Wittmann