Tradition Und Moderne – Gedanken Zum Jahreswechsel
Foto: (c) Rainer Wittmann

Tradition und Moderne – Gedanken zum Jahreswechsel

Am 1. Weihnachtsfeiertag des Jahres 1978 verstarb mein Großvater Josef Stock friedlich im Beisein seiner fünf Töchter, während im Hintergrund die orthodoxe Liturgie, gesungen von den Mönchen des Klosters Niederaltaichs, die Seele aus dieser Welt forttrug. Unser Opa hatte 21 Enkel und regelmäßig war die ganze Sippe an den Festtagen und auch an sonstigen Feiertagen und Sonntagen bei ihm zu Gast in der Gärtnerei, die er im Krisenjahr 1923 – im Jahr der Hyperinflation – gegründet hatte. Aus Anlass des ersten Jahrestages umrahmte die „Mitterteicher Stubenmusik“ den Jahrtagsgottesdienst am Abend des 1. Feiertages, anfangs bestehend aus zwei Violinen, Blockflöte und Akkordeon. Diese Tradition mit einem größeren Ensemble und auch anspruchsvolleren Programm fortgesetzt, anfangs aus der Oberpfälzer Christkindlmeß arrangiert vom langjährigen Heimatpfleger Adolf Eichenseer, der vor wenigen Wochen 80jährig verstarb. Später dann mit Liedern von Tobi Reiser, dem Mitbegründer des Salzburger Adventssingens, für das ich sehr dankbar bin. Mit Neffen und Nichten ist mittlerweile ein richtiges Ensemble herangewachsen, das Repertoire wurde internationalisiert und zum Schluss erklingen flotte lateinamerikanische Klänge. Die Messe dient dem Andenken unserer Großeltern, den Eltern, Schwiegereltern und allen weiteren verstorbenen Verwandten. Die zentralen Figuren waren allerdings unser Opa und unsere Oma, die die Sippe in Art einer wirklichen Großfamilie über drei Generationen anführten. Wunderbare Erinnerungen sind aus dieser Zeit – den 1960er Jahren – verblieben. Ich denke, dass ich von meinem Großvater das unternehmerische Gen geerbt habe, für das ich sehr dankbar bin.

Tradition und Moderne

Im Neuen Tag vom 12. Dezember 2015 fand ein interessanter Bericht über die geheimnisvollen Gestalten in der Adventszeit, beginnend mit St. Nikolaus, der in Konstantinopel bereits seit dem 6. Jahrhundert verehrt wurde. Ihm zur Seite gestellt wurde der Krampus oder Knecht Ruprecht, bei dem es sich wohl eher um heidnische Figuren handelte. Am Tag der Heiligen Luzia (13. Dezember) wandelte die Luzier durch die Straßen, die nachts den „bösen“ Kindern den Bauch aufschneiden und mit Stroh und Kieselsteinen füllen würde. Eine weitere Oberpfälzer Schreckgestalt ist der „Dama mit`m Hamma“. Hier ist die Figur des Apostel Thomas mit einer germanischen Gottheit verschmolzen. Die Thomasnacht vom 21. auf den 22. Dezember ist die längste Nacht des Jahres, die Wintersonnenwende und der Beginn der Rauhnächte. Der Hammer weist auf den heidnischen Gott Thor oder Donar hin und so hat man dessen Hammer, der für Blitz und Donner verantwortlich war, dem Heiligen Thomas zugeschanzt. Heidnische und christliche Bräuche wurden auf wunderbare Weise miteinander verwoben. Laut dem Salzburger Heimatdichter Karl Heinrich Waggerl wurde der Wunschzettel sinnigerweise am Tag des ungläubigen Thomas geschrieben!

In den Rauhnächten vom 21. Dezember bis zu Heilig Dreikönig am 6. Januar spiegelt sich in dem Brauchtum der Perchten und anderen Schreckgestalten die urtümlichen Ängste der Menschheit wieder: die Angst vor der Nacht, aber auch die Angst, es könnte nicht mehr hell werden und ewiger Winter drohen. Zum Beispiel hatte 1815 der Ausbruch des Vulkans Tambora in Indonesien zu einer monatelangen Verfinsterung durch die Aschenwolken geführt und so ging das Jahr 1816 – das Jahr nach den Verwüstungen der napoleonischen Kriege – als Jahr ohne Sommer in die Annalen ein. Ernteausfälle und Hungersnöte in den Jahren 1816/17 waren die Folge. Ich will damit aufzeigen, dass frühere Generationen schwierigere Zeiten und extenzielle Krisen bewältigen mussten. Womit sich die Probleme unserer Zeit doch ein wenig relativieren.

Von der Respektsperson zur Witzfigur

In diesem Zusammenhang beschreibt Hans Kratzer in der Süddeutschen Zeitung vom 04.Dezember.2015 die gnadenlose Kommerzialisierung der Advents- und Weihnachtszeit durch aggressive Werbung und Wirtschaft. Streng genommen beginnt der Advent am Kathreinstag (25. November), die Weihnachtszeit aber erst am 25. Dezember. Advent als Zeit der Ankunft, Besinnung und Vorbereitung, ja sogar als 4-wöchige Fastenzeit ist völlig aus der Mode und aus dem Bewusstsein gekommen. Im Radio, Fernsehen und den Internetmedien wird einem die Weihnachtszeit schon Wochen vorher, einschließlich der englischsprachigen Weihnachtslieder, bis zur Besinnungslosigkeit eingetrichtert. So haben wir noch als Kinder viele Bräuche rund um den Advent, einen Nikolaus und Christkind erlebt, die vom alten Jahresrhythmus geprägt waren. Doch dann begann der Kommerz die Advents- und Weihnachtszeit zu vereinnahmen. Die Respektsperson Nikolaus wurde zur Witzfigur Weihnachtsmann degeneriert, dabei handelt es sich nur um eine feiste Version einer Coca-Cola-Werbefigur, die die Orientierungslosigkeit im modernen Marketing widerspiegelt. In seiner Heimatstadt Demre (Myra) in der Türkei wurde bereits St. Nikolaus bereits in einen einsamen Steinbruch versetzt und dagegen der Weihnachtsmann auf den Stadtplatz gestellt.

Der im Alpenraum praktizierte Brauch des Klöpfelgehens (siehe bei Karl-Heinrich Waggerl), bei dem von Haus zu Haus um milde Gaben für einen guten Zweck gebeten wurde, wurde durch den amerikanischen Bettelbrauch von Halloween (31. Oktober) ersetzt, bei dem aggressiv und egoistisch Süßigkeiten „erpresst“ werden. Auf seine Frage, weshalb Allerheiligen ein Feiertag sei, berichtete ein Berufsschullehrer die Antwort seiner Schüler, dass man sich schließlich von Halloween ausschlafen könne! Armes Deutschland über so viel Traditions- und Kulturvergessenheit.

Oberpfalz und Wirtschaft

Im November 2015 hat sich die Oberpfalz mit einer Arbeitslosenquote von 2,8 % an die Spitze aller bayerischen Regierungsbezirke (vor Niederbayern mit  3,0%) gesetzt, d. h. dass in Ostbayern Vollbeschäftigung herrscht. Vor gut 30 Jahren, als ich nach Schwandorf kam (1983), war die Arbeitslosenquote im Bezirk Schwandorf mit 20 % die höchste in der gesamten Bundesrepublik, bedingt durch die Schließung durch die Bayerische Braunkohle Industrie (BBI) und des schrittweisen Abbaus der Maxhütte. Welch glückliche Fügung, dass sich mit dem WAA-Aus der Weltkonzern BMW in Wackersdorf ansiedelte und sich in der Folge ein diversifizierter Mittelstand in der gesamten Region entwickelt hat. Sogar einige Weltmarkführer, sogenannte Hidden (versteckte) Champions  finden sich in der Oberpfalz und junge Leute werden von den Firmen auf Montage in alle Welt geschickt. Der Fall der Mauer und des Eisernen Vorhangs haben die Oberpfalz von der Randlage wieder in die Mitte Europas befördert. Verkehrswege sind weitgehend ausgebaut und diese Entwicklung ist wohl der Zähigkeit, dem Fleiß und der Zuverlässigkeit der Oberpfälzer zu verdanken. „Die Leute wissen hier noch, dass Arbeiten zum Leben gehört,“ bestätigen viele Führungskräfte, die aus anderen Regionen in die Oberpfalz kommen. Es gilt aber sich nicht auf den Lorbeeren auszuruhen, sondern den stetigen Wandel der Wirtschaft mitzugehen und zu gestalten. Einen wesentlichen Beitrag dazu leisten dazu die Universität Regensburg sowie die Ostbayerische Technischen Hochschulen in Regensburg, Amberg und Weiden. Endlich finden die Firmen die qualifizierten Ingenieure und Arbeitskräfte, indem die Absolventen aus der eigenen Region requiriert werden.

Deutschland, Europa und die Welt

Die wirtschaftlichen Aussichten sind für 2016 und die Jahre darüber hinaus für Deutschland und auch insbesondere für Bayern sehr günstig. Trotz verschiedenen Krisenherden ist mit einem zwar moderaten, aber konstanten Wirtschaftswachstum zu rechnen. Laut Neuem Tag vom 17.Dezember.2015 macht sich aber schon wieder die „German Angst“ in Deutschland breit. Der Zukunftsforscher Horst Opaschowski kommt zu dem Ergebnis, „die Stimmung kippt.“ Während sich in 2014 nur 31 % angsterfüllt zeigten, seien es im November 2015 wieder 55 %. Nach Finanzkrise, Eurokrise, Flüchtlingskrise und den Terroranschlägen 2015 habe „die gegenwärtig humanitäre Krise und die zunehmende Angst vor Terroranschlägen die Bevölkerung tief verunsichert.“ Nun ist aber festzuhalten, dass evolutionsbiologisch gesehen Angst zwar wichtig ist, im Hinblick auf des Bewusstsein von Gefahren, Vorsicht und Voraussicht. Jedoch führte eine diffuse und generalisierte Angst häufig zur Ohnmacht und Starre, wie das sprichwörtliche Kaninchen vor der Schlange. Im Gegensatz zur Angst ist die Furcht immer auf ein bestimmtes Subjekt oder Objekt gerichtet und setzt damit zielgerichtet Kräfte und Motivation frei. In den letzten Wochen und Monaten haben auch viele Menschen ihre Angst vor der unkontrollierten Zuwanderung aus dem Nahen Osten artikuliert.

Nun ist hier sicherlich einiges aus dem Ruder gelaufen, aber grundsätzlich ist festzuhalten, dass aufgrund der weltweit niedrigsten Geburtenrate es sich bei den Deutschen um ein schrumpfendes Volk handelt. Zwar ist ein leichter Anstieg der Geburten festzustellen mit einem neuen Rekord von 715.000 Geburten im Jahr 2014 (gegenüber 1,4 Mio  am Höhepunkt des Baby-Booms 1964). Trotzdem fehlen pro Jahr 300.000 Geburten, um die sozialen Sicherungssysteme zu erhalten, die ja darauf begründet sind, dass genügend Junge arbeiten, um die Kranken und Alten zu versorgen. Vor diesem Hintergrund sollte vor allem in die Flüchtlingskinder und Jugendlichen investiert werden, damit sie später einmal ihren Beitrag als Steuerzahler und in die Sozialversicherung leisten können. Alle Probleme der Welt können wir zwar von Deutschland aus nicht lösen, aber trotzdem sollten wir in der Zuwanderung eine positive Herausforderung sehen. Wir könnten natürlich auch durch eine grundlegend veränderte Familienpolitik dafür sorgen, dass es jungen Leuten nicht so schwer gemacht wird, Ausbildung, Beruf und Karriere mit einem engagierten Familienleben zu verbinden. Hier dominieren immer noch die Interessen der Wirtschaft, aber auch kurzsichtiges Marketing und Fehlsteuerung durch die Medien, die lediglich ein intensives Konsumverhalten predigen, während Kinder und Familie nur noch als Belastung und nicht als Bereicherung des Lebens dargestellt werden.

Sollte der Klimawandel wie vorhergesagt eintreten, so ist in den nächsten Jahrzehnten noch mit ganz anderen Wanderungswellen zu rechnen, wenn erst einmal im Nahen Osten und in Afrika und Asien sich weitere Wüsten und Steppengebiete, infolge Trockenheit und Unwettern, ausbreiten. Nach der Mobilität von Waren, Finanzen und Dienstleistungen ist es blauäugig anzunehmen, dass man in Zeiten des freien Welthandels die Mobilität der Menschen im Internet-Zeitalter so einfach unterdrücken könne. Wie eingangs erwähnt, hatte die Generation unserer Großeltern mit zwei Weltkriegen, zweimal Hyperinflation und Zerstörung der Lebensgrundlagen ganz andere Probleme zu bewältigen. Daran sollten wir nach dem Krieg Geborene uns orientieren und die Zukunft als positive Herausforderung annehmen und aktiv gestalten.

Zum Schluss möchte ich noch erwähnen, dass Maria und Josef sich bereits kurze Zeit nach der Geburt von Jesus in Bethlehem auf der Flucht nach Ägypten befanden und dort offensichtlich von fremden Menschen gut aufgenommen wurden.

Ihr Dr. Siegfried Burger

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