Auf Knopfdruck Funktioniert Das Leben Nicht
Entwickeln sich die Menschen zu manipulierten Mitläufern? Symbol-Foto: (c) Markus Bormann fotolia.com

Auf Knopfdruck funktioniert das Leben nicht

Wir schreiben das Jahr 2016 und befinden uns in einer absonderlich grotesken Schweinwelt. Das Gehirn als zentrale Stelle unseres Seins und Wirkens hat alle Aufgaben an die virtuelle Technik abgegeben. Anstatt als Individuum zu agieren, beschränkt sich unser Tun nur noch auf als eine ID funktionierende Hülle in einem Konglomerat vernetzter Funktionalitäten. Diese offene Sekundärwelt kollidiert zwangsläufig mit der Realität. In der Schule, im Beruf, im Privatleben. Ganz schön häufig!

Anfällig für diesen Trend ist – nun vielleicht nicht jeder. Aber zumindest jene, die nicht mehr ohne moderne Sucht-Technik auskommen können. Die Relevanz-Verschiebung ist klar ersichtlich: Ohne moderne Kommunikationsmittel in der Tasche, in der Hand, am Ohr, im Bett, auf der Toilette, beim Joggen, beim Lernen, im Unterricht, bei der Arbeit … wäre das Leben nicht mehr erträglich. Alles überspitzt und übertrieben? Ich denke nein. Prüfen Sie sich doch mal selbst.

Die Frustrationstoleranz, ohne Smartphone auskommen zu müssen, ist sehr gering. Eine geringe Frustrationstoleranz weist auf eine Ich-Schwäche hin. Ein Kind kann seine Persönlichkeit nicht entwickeln, indem es zwölf Stunden am Tag auf einen Bildschirm glotzt. Jeder Mensch braucht Regeln und Grenzen.

Das Gehirn fixiert sich nur noch auf die Virtualität

Seit Jahren gehört das Buch „Warum unsere Kinder Tyrannen werden: Oder: Die Abschaffung der Kindheit“ von Michael Winterhoff zu den Bestsellern im Bereich Kinder- und Jugendpsychologie.  Der Jugend-Psychiater spricht sich darin vor allem dafür aus, dass Kinder gerade in der multimedialen Gesellschaft nichts dringender als orientierende Maßstäbe, Strukturen und Sicherheit bräuchten und dass Erwachsene Vorbilder sein müssten und ihnen eine gesunde Richtung vorgeben sollten.

Im Leben eines Menschen gibt es wichtige Lernschritte. Etwa: Warten lernen, auf andere Rücksicht nehmen, oder Dinge erledigen, auch wenn man gerade dazu keine Lust hat. Leider kann in der heutigen Zeit nichts mehr schnell genug gehen. Klick und weg!

Kinder sollten lieber von ihren Eltern lernen als den sie überströmenden multimedialen Müll als bare Münze nehmen. Provokativ? Ja. Der Magdeburger Politikwissenschaftler, Thomas Kliche (Professor für Bildungsmanagement) geht noch einen Schritt weiter, indem er behauptet, die Gesellschaft hierzulande leide an einer „kollektiven Bequemlichkeitsverblödung“ und sieht damit auch die unsere Grundwerte in Gefahr: „Wenn man lieber dreimal im Jahr Urlaub macht oder Dschungelcamp schaut, anstatt sich mit den simpelsten Grundlagen von Wirtschaft, Politik und Gesellschaft zu beschäftigen, sei es um die Demokratie nicht besonders gut bestellt.“

Was passiert mit unserer Gesellschaft? Sehen wir nicht mehr das, was vor uns ist sondern fixiert sich unser Gehirn der Beruhigung seiner selbst wegen nur noch auf Virtualität? Löst Vorgegaukeltes wirklich unsere täglichen Probleme und Aufgaben?

Jugendliche – aber leider auch Erwachsene – reduzieren ihre Kommunikation zum größten Teil auf Textnachrichten mit Gesichts-Bildchen, sogenannten Emoticons. Letztere sollen Stimmungs- oder Gefühlszustände ausdrücken. Non-verbal versteht sich. Ein normales Telefongespräch findet kaum mehr statt. Sitzt man sich dann tatsächlich mal gegenüber, gelingt es kaum, ein vernünftiges Gespräch zu führen. Gefangen in seiner virtuellen Community ist das Smartphone in der Hand Pflicht. Und anstatt sich auf die verbale Interaktion zu konzentrieren, verliert man sich spätestens nach wenigen Minuten wieder in der virtuellen Welt.

Was hier passiert ist beileibe kein Fortschritt. Die persönliche Entwicklung wird zur Involution verkehrt. Der Mensch reduziert sich auf vom Gehirn gesteuerte, haptische Interaktion mit technischen Hilfsmitteln.

Im Internet wurde die Aussage des Magdeburger Wissenschaftlers übrigens intensiv diskutiert. Ein Statement ist dabei besonders aufgefallen: „Während (in) Parlament(en) sich langweilige Diskussionen von ebenso langweiligen und zum Teil unqualifizierten Abgeordneten abspielen, ist der große Teil dieser Gesellschaftsschicht nicht in der Lage zu erkennen, welch große Veränderungen zukünftig auf Sie zukommen. Das Erwachen wird traumatisch sein, wenn für sie erkennbar ist wie die Politik ihre Zukunft verspielt hat.“

Von Rainer Wittmann

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