Halswirbelsäule: Ihre Beweglichkeit Ist Ihre Schwäche.
Halswirbelsäule: Ihre Beweglichkeit ist ihre Schwäche. Länger anhaltende Nackenschmerzenbrauchen Diagnostik und Therapie. Foto: © Stasique - fotolia.com

Halswirbelsäule: Ihre Beweglichkeit ist ihre Schwäche.

Dr. med. Susanne Kern, Schwandorf Orthopädin

Länger anhaltende Nackenschmerzen
brauchen Diagnostik und Therapie

Es sind „nur“ sieben Wirbelsäulenelemente, die auf das Wohlbefinden des gesamten Organismus erhebliche Auswirkungen haben können.
Die Halswirbelsäule muss sehr beweglich sein, was sie anfällig macht. Schlechte Haltung ist deshalb Gift – bei der Arbeit, beim Sport, im täglichen Leben.

Achten Sie auf die Ergonomie Ihres Arbeitsplatzes, gehen Sie erhobenen Hauptes durch die Welt. Sorgen Sie mit spezifischen Übungen zum Dehnen und Strecken der Halsmuskeln vor, dass Sie von HWS-Problemen und deren Auswirkungen verschont bleiben.

Viel Spaß beim Lesen.
Ihre Susanne Kern

Nackenschmerzen lokalisieren

Die Halswirbelsäule mit den zugehörigen Faszien, Nervenbahnen und Muskelsträngen ist eine Art Zentrale, die Einfluss auf nahezu den gesamten Organismus nimmt. Läuft in dem fein austarierten System etwas schief, kann das erhebliche Auswirkungen auf die Lebensqualität haben.

Nackenschmerzen, die länger anhalten und nicht von selbst verschwinden, brauchen eine Kombination aus gut abgestimmter Diagnostik und Therapien. Der Orthopäde kann mit der Erfahrung und einem geschärften Tastsinn (bei Bedarf von Röntgenbildern, Computer- oder Kernspintomografieaufnahmen unterstützt) die Wurzeln von Nackenproblemen lokalisieren, einordnen und therapieren.

Definition und Entstehung

Als Zervikalsyndrom werden Beschwerden bezeichnet, deren Ursprung im Bereich der Halswirbelsäule (HWS), also der Wirbel 1 bis 7, liegt. Die Halsregion ist eine Schwachstelle unserer Wirbelsäule, die durch die vorwiegend sitzende Lebensweise und Fehlhaltungen häufig überstrapaziert wird. Nackenschmerzen sind in der Bevölkerung weit verbreitet; etwa 15 Prozent aller Menschen leiden darunter, wobei Frauen häufiger betroffen sind als Männer. Bei ungefähr zwei Drittel aller Menschen kommt es zumindest einmal im Leben zu diesen Beschwerden.

Die Ursachen dafür sind mannigfaltig: Blockaden im Bereich der Wirbelverbindungen, Fehlhaltung im Beruf und/oder beim Schlafen, Auswirkungen eines Schleudertraumas oder gar ein Bandscheibenvorfall. Dazu kommen degenerative Veränderungen wie meist altersbedingte Verschleißerscheinungen der Wirbelgelenke, die Ausbildung kleiner knöcherner Vorsprünge an den Wirbelrändern oder Funktionsstörungen der Bänder. Stress, die sprichwörtliche ‚Angst im Nacken‘ oder ‚Last auf den Schultern‘, zählt zu den Hauptverursachern von Verspannungen im Bereich der Halswirbelsäule.

Unter Stress steigt die Muskelspannung an und die Kopfhaltung ändert sich, was sich im Extremfall auch in Schwindelanfällen, Sehstörungen oder starken Kopfschmerzen äußert. Im Bereich der Halswirbelsäule treten zudem mehrere Nerven aus dem Rückenmark aus. So führt etwa ein Nerv, der zwischen dem dritten und vierten Halswirbelkörper austritt, zum Zwerchfell. Außerdem liegen Nervengeflechte und Nervenknoten des sogenannten sympathischen Nervensystems, die unter anderem die Herztätigkeit beeinflussen, in unmittelbarer Nachbarschaft. Das erklärt, warum Probleme in diesem Bereich Konsequenzen für den gesamten Organismus haben können. Auch für Regionen, die anscheinend mit der Halswirbelsäule gar nichts zu tun haben.

Im Bereich der Halswirbelsäule treten mehrere Nerven aus dem Rückenmark aus. Foto: (c) Sebastian Kaulitzki - fotolia.com
Im Bereich der Halswirbelsäule treten mehrere Nerven aus dem Rückenmark aus. Foto: (c) Sebastian Kaulitzki - fotolia.com
Die Halswirbelsäule (HWS) ist der beweglichste Abschnitt der Wirbelsäule und setzt sich aus sieben Halswirbeln (C1-C7) zusammen. Neben dem Schutz des Rückenmarks und der aufsteigenden Blutgefäße dient sie in erster Linie der Bewegung und Stabilität des Schädels. Foto: (c) fotolia.com
Die Halswirbelsäule (HWS) ist der beweglichste Abschnitt der Wirbelsäule und setzt sich aus sieben Halswirbeln (C1-C7) zusammen. Neben dem Schutz des Rückenmarks und der aufsteigenden Blutgefäße dient sie in erster Linie der Bewegung und Stabilität des Schädels. Foto: (c) fotolia.com

Symptome und Diagnose

In der Regel klagen die Patienten über dumpfe, schwer zuzuordnende Schmerzen mit Ausstrahlung in die Schultern, Arme oder auch in den Hinterkopf. Die Muskulatur unmittelbar neben der Wirbelsäule verspannt und verhärtet, zusätzlich können Funktions- oder Bewegungsstörungen der Gelenke auftreten. Aufgrund von Nervenreizungen sind Kribbeln und ein Taubheitsgefühl in Händen, Nacken und Armen mögliche Anzeichen des HWS-Syndroms. Kopfschmerzen, Schwindel, Seh- und Hörstörungen (Tinnitus) gehören ebenfalls zum Beschwerdebild.

Häufig sind Menschen betroffen, die lange vor dem Computer sitzen, mehrere Stunden im Auto unterwegs sind, Überkopf arbeiten oder Tätigkeiten in leicht gebückter Haltung ausüben. Kommt psychischer Stress hinzu, verschlimmern sich die Beschwerden häufig. Um herauszufinden, wo die Schmerzen herrühren, verlassen wir uns weniger (aber auch) auf Röntgenbilder als auf die Angaben des Patienten und auf unser Tastgefühl.

Bei der Diagnose stehen einige typische Symptome unter besonderer Beobachtung. Bei einer Fehlhaltung des Kopfes oder durch längeres Verharren in einer Position wird die Hals- und Nackenmuskulatur überstrapaziert. Die Folge sind Muskelverhärtungen, bei denen sich durch Druck auf bestimmte Punkte Schmerzen auslösen lassen. Sind gewisse Bewegungen nur unter Schmerzen möglich, ist das ein relativ sicherer Hinweis auf ein HWS-Syndrom.

Tipps für einen gesunden Nacken

Gerade Haltung: Stellen Sie sich vor, Ihr Kopf würde von einem Faden am Scheitelpunkt hochgezogen (Kinn zurücknehmen und Schultern sinken lassen).

Regelmäßige Wirbelsäulengymnastik sorgt für gezielten Muskelaufbau und Ausgleich.

Drehbewegungen: Vermeiden Sie abrupte Drehbewegungen mit dem Kopf.

Beim Lesen Kopf anlehnen.

Verkühlung: Zugluft ist Gift für Ihren Nacken. Bei Verkühlung helfen durchblutungsfördernde Salben aus der Apotheke oder Schmerz- und Wärmepflaster.

Schrägpult Wer zu Nackenschmerzen neigt, kann beim Schreiben ein Schrägpult auf die Schreibtischplatte legen. Stützen Sie Ihre Arme beim Schreiben ab, sonst trägt Ihre Schulter-Nacken-Muskulatur das ganze Gewicht.

Hilfe bei Verspannungen: Blicken Sie ab und zu von Ihrer Arbeit auf. Das hilft bei Verspannungen. Der Bildschirm sollte sich auf Augenhöhe oder leicht darunter befinden.

Die besten Sportarten sind: Schwimmen (Rückenschwimmen ist ideal; beim Brustschwimmen den Kopf nicht in den Nacken legen), Aquagymnastik, Aerobic, Skilanglauf, Pilates, Yoga, Faszientraining, TRX.

Halswirbelsäule-Therapieren

Die HWS-Therapie richtet sich in erster Linie nach der Ursache. Zunächst wird konservativ, also ohne Operation behandelt. Spezielle physikalische Techniken wie Akupunktur, Schröpfen, kraniosakrale (Schädel-Kreuzbein-) Therapie, Chirotherapie und Osteopathie sind ebenso wie sanftes Dehnen, Wärmeanwendungen mit Rotlicht, Fangopackungen oder warme Nackenduschen konservative Therapiemöglichkeiten, um die Schmerzen lindern oder ganz verschwinden zu lassen.

Die ärztliche Kunst wirkt aber oft nur auf Dauer, wenn sie von anderen Maßnahmen begleitet wird. Die Ergonomie des Arbeitsplatzes zum Beispiel, oder wie viel ich mich pro Tag bewege, was ich speziell meinem Nacken Gutes tue und wie meine psychische Verfassung ganz allgemein ist, haben erheblichen Einfluss.

Für eine erste Linderung der Schmerzen eignen sich Mittel, die am Ort der Schmerzentstehung eingreifen wie zum Beispiel Analgetika (schmerzstillende Mittel) oder Antirheumatika. Sie wirken gleichzeitig auch abschwellend und antientzündlich. Muskellockernde Medikamente entspannen die Muskulatur und beseitgen damit oftmals die Ursachen von Schmerzen.

Um die Muskulatur zu lockern und die Beweglichkeit der Halswirbelsäule wieder herzustellen, sind manuelle Therapie und Krankengymnastik geeignet. Der erfahrene Physiotherapeut kennt die einzelnen kritischen Verbindungen sehr genau, ebenso wie die Mittel, die Irritationen auflösen, sowie die Anwendung von Wärme (Rotlicht, Wärmekissen) oder Akupunktur. Er gibt auch Tipps, wie man durch Veränderungen der Haltung oder gezielte Übungen dem nächsten HWS-Problem aus dem Weg gehen kann.

Chirotherapeutische Anwendungen sind bei der Therapie von Problemen mit der Halswirbelsäule ein wichtiger Faktor. Foto: (c) RioPatuca Images - fotolia.com
Chirotherapeutische Anwendungen sind bei der Therapie von Problemen mit der Halswirbelsäule ein wichtiger Faktor. Foto: (c) RioPatuca Images - fotolia.com

Alternative Behandlungen

Akupunktur – kleine Nadeln mit punktgenauer Wirkung: Das Einstechen mit den dünnen Nadeln setzt körpereigene Botenstoffe frei, kann die Beweglichkeit verbessern, die Durchblutung fördern und helfen, Nebenwirkungen von Medikamenten zu lindern.

Faszienbehandlung
Das Bindegewebe ist ein wichtiges Kommunikationsnetz im Organismus und spielt eine wesentliche Rolle bei verschiedenen Prozessen im Körper. Eine spezielle Therapie und Training der Faszien beschleunigt die Heilung und schützt den Körper vor Verletzungen.