Schultergelenk: Beweglich Aber Auch Anfällig
Arbeiten über Kopf oder Sportarten wie Handball oder Speerwerfen,Tennis oder Golf, hinterlassen im Laufe der Jahre ihre Spuren. Foto: (c) EpicStockMedia -fotolia.com

Schultergelenk: Beweglich aber auch anfällig

Die Schulter ist das flexibelste Gelenk

Die Schulter ist unser flexibelstes Gelenk und an fast jeder Bewegung des Arms beteiligt.

Der enorme Bewegungsspielraum, der sich auf engstem Raum zwischen Oberarmkopf und Gelenkpfanne abspielt und den Muskeln und Sehnen enorme Kräfte abverlangt, macht die Schulter anfällig für Verletzungen und Krankheiten.

Arbeiten über Kopf oder Sportarten wie Handball oder Speerwerfen hinterlassen im Laufe der Jahre ihre Spuren.

Die Heilungschancen ohne Folgeschäden steigen, wenn wir Orthopäden möglichst früh eine sichere Diagnose erstellen und mit der Therapie beginnen können.

Viel Spaß beim Lesen.
Ihre Susanne Kern

Dr. med. Susanne Kern, Schwandorf Orthopädin

Der große Bewegungsumfang des Schultergelenks hat seinen Preis

Das Schultergelenk besitzt von allen Gelenken des menschlichen Körpers den größten Bewegungsumfang. Dank dessen ausgeklügelter Anatomie können wir die Arme vor und hinter dem Körper benutzen, sie nach oben und zur Seite strecken sowie nach innen und außen drehen. Die vergleichsweise große Schulterkugel muss sich mit einer sehr kleinen Gelenkfläche zufrieden geben und obendrein mit dem Umstand zurecht kommen, dass jene Gelenkfläche Teil eines recht gut beweglichen Knochens, des Schulterblattes, ist.

Anatomie des Schultergelenks
Nur durch umfangreiche Hilfskonstruktionen ist es dem Menschen möglich, das Schultergelenk so frei und in nahezu alle Richtungen bewegen zu können. Das eigentliche Schultergelenk wird vom Oberarmkopf (12) und der Gelenkpfanne des Schulterblattes (13) (siehe Grafik oben) gebildet. Dort, wo die Knochen aufeinandertreffen, sind sie mit einer glatten Knorpelschicht überzogen. Eine besondere Rolle im Schultergelenk spielt die Sehnenhaube, die sogenannte Rotatorenmanschette. Sie setzt an den knöchernen Höckern des Oberarmkopfes (12) an und hält den Oberarmkopf in der flachen Gelenkpfanne (13) des Schulterblattes. Die Rotatorenmanschette verleiht dem Gelenk Beweglichkeit und Stabilität. Die Schultermuskulatur ist zudem für die Kraftübertragung zwischen Rumpf und Arm verantwortlich. Brust- und Rückenmuskeln arbeiten dabei mit.

Die wichtigsten Krankheitsbilder

Der große Bewegungsumfang des Schultergelenks hat seinen Preis: Verletzungen und Funktionsstörungen kommen häufig vor.

Impingement-Syndrom
Der Engpass im Raum zwischen Schulterdach und Oberarmkopf, in dem die Supraspinatussehne und der Schleimbeutel liegen, bereitet dem Patienten Schmerzen bei Bewegungen wie zum Beispiel dem Heben des Armes oder dem Anziehen einer Jacke. Dazu treten oft auch nächtliche Schmerzen auf. Mögliche Ursachen sind knöcherne Einengungen, zum Beispiel ausgehend vom Schultereckgelenk, eine Verdickung des Schleimbeutels, Schäden der Rotatorenmanschette und der langen Bizepssehne oder ein gestörtes Zusammenspiel der Muskeln.

Rotatorenmanschettenriss
Die Rotatorenmanschette (RM) setzt sich aus den vier Schultermuskeln und ihren Sehnen (siehe Grafik Schultermuskulatur) zusammen. Am häufigsten entstehen Schäden an der RM durch Verschleißerscheinungen; meist ist die Supraspinatussehne betroffen. Unfallbedingte RM-Risse sind selten und betreffen fast ausschließlich junge Menschen unter 40. An Symptomen treten belastungsabhängige Schmerzen, Bewegungseinschränkungen, Kraftabschwächungen und sogenannte Impingementsymptome auf. Kleinere Schäden der RM bleiben meist über viele Jahre beschwerdefrei.

Kalkschulter
Die Erkrankung tritt häufiger bei Frauen auf, insbesondere zwischen dem 30. und 50. Lebensjahr. In den Schultersehnen, meist in der Supraspinatussehne, lagert sich Kalk ein. Der Grund dafür ist noch nicht abschließend erforscht, eine mangelhafte Durchblutung des Gewebes könnte eine Ursache sein. Die meisten Patienten leiden an chronischen Beschwerden wie bei einem Impingement-Syndrom. In der akuten Entzündungsphase tritt durch Auflösung des Kalkdepots ein massiver Schmerz auf, der mit fast völliger Bewegungsunfähigkeit des Armes einhergeht.

Schulterluxation und Instabilität
Durch einen Unfall „springt“ der Oberarmkopf aus dem Gelenk heraus (sogenannte Luxation). Das verletzte Gelenk muss dann möglichst schnell wieder eingerenkt werden. Wenn nach dieser Verletzung Kapseln und Bänder nicht vollständig heilen, resultiert daraus eine andauernde Instabilität. Bei manchen Patienten springt das Gelenk schon bei Alltagstätigkeiten heraus oder es kommt zu einer Subluxation, bei der sich der Oberarmkopf nur teilweise im Gelenk verschiebt. Der Patient beendet daraufhin sofort die Bewegung aus Angst vor einer erneuten Luxation. Eine Sonderform ist die habituelle Schulterluxation. Aufgrund einer angeborenen Fehlbildung des Gelenks kommt es zu immer wiederkehrenden Schulterluxationen ohne auslösenden Unfall.

Schulterarthrose
Unter Arthrose versteht man einen Knorpelabrieb, der Schmerzen und Bewegungseinschränkungen verursacht. Am Schultergelenk entstehen parallel dazu Schäden an der Rotatorenmanschette. Oft tritt eine Arthrose nach Brüchen des Oberarmkopfes, Ausrenkungen und ausgedehnten Rotatorenmanschetten-Rupturen auf.

Frozen shoulder (Schultersteife)
Das Schultergelenk besitzt eine sehr weite, dehnbare Gelenkkapsel. Wenn diese verklebt oder aufgrund einer Entzündung schrumpft, entsteht eine schmerzhafte Schultersteife. Diese wird auch als »frozen shoulder« bezeichnet. Tritt sie ohne erkennbare Ursache auf, spricht man von einer primären »frozen shoulder«.

Die Erkrankung läuft in drei Phasen ab: Im ersten Stadium leidet der Patient unter starken Schmerzen. Sie plagen ihn nicht nur, wenn er die Schulter bewegt, sondern auch wenn er sie ruhighält, vor allem nachts. Nach einigen Monaten geht dieses Stadium in die Einsteifungsphase über: Der Schmerz lässt nach, aber die Schulter lässt sich kaum noch bewegen. Erst viele Monate später folgt die sogenannte Lösungsphase: Die Steife verflüchtigt sich langsam, im günstigsten Fall ist die Schulter am Ende wieder voll funktionsfähig.
Manchmal hat die frozen shoulder einen direkten Auslöser, zum Beispiel eine Operation oder eine Verletzung. Auch Entzündungen und Kalkablagerungen im Raum zwischen Schulterdach und Rotatorenmanschette oder eine lange Ruhigstellung der Schulter, etwa nach einer Verletzung, können eine Schultersteife verursachen. Diese Fälle werden als sekundäre frozen shoulder bezeichnet.

Weitere Erkrankungen an der Schulter
Weitere Erkrankungen, die zu einer schmerzhaften Schulter führen, sind zum Beispiel:

  • Schäden der Bizepssehne,
  • Arthrose der Schlüsselbeingelenke,
  • Schmerzausstrahlungen der Halswirbelsäule oder
  • neurologische und rheumatische Erkrankungen.