Dieses Jahr möchten wir Ihnen eine besondere Weihnachtsgeschichte erzählen. Eine Geschichte, die sich heuer zum 80. Mal jährt. Gabriele Rathey aus Schwandorf-Fronberg (84 Jahre alt) hat sie aufgeschrieben und wir erzählen sie gerne, um nicht zu vergessen, was vor vielen Jahren in Deutschland geschehen war.
Historische Daten
Kurz vor der Kapitulation der Wehrmacht vor 80 Jahren wurden viele deutsche Städte regelrecht vernichtet. Das Schicksal sollte auch Schwandorf treffen. Aus einer Höhe von 1500 bis 5500 Metern wurden zwischen 3:52 und 4:07 Uhr am 17. April 1945 – also vor 80 Jahren – das Bahnhofsgelände als Hauptziel und angrenzende Viertel der Stadt Schwandorf mit Fliegerbomben britisch-kanadischer Einheiten getroffen. Historische Quellen berichten von 633 Tonnen, die auf das Gebiet herniederfielen und von etwa 1300 Toten, unzähligen Verletzten, 670 zertrümmerten Gebäuden und etwa 500 beschädigten Wohnhäusern. Knapp 60 Prozent des heutigen Schwandorfs lagen in Schutt und Asche. Gabriele Rathey und ihr Bruder Hermann Götz aus Fronberg sind bis heute lebende Zeitzeugen eines der vielen verheerenden Angriffe der Alliierten auf deutsche Städte – und auf die Menschen.
Lesen Sie die Geschichte von Gabriele Rathey. (Hinweis: Dieser Text darf nicht für dritte Zwecke genutzt werden!)
Jedes Jahr zu Weihnachten geht mir immer wieder die gleiche Geschichte durch den Kopf und zwar die Geschichte von unseren kriegsverletzten Krippenfiguren. Beim Bombenangriff im April 1945 wurde auch das Haus in dem wir wohnten vollständig zerstört, und somit unser ganzes Hab und Gut unter den Trümmern begraben.
Nach ein paar Tagen, als sich die Angst und der Schrecken etwas gelegt hatten, gingen die Betroffenen, so auch meine Eltern, daran, die Schutthaufen zu sortieren, um alles herauszuholen, was irgendwie noch brauchbar erschien.
Man kann sich kaum vorstellen wie erfinderisch die Menschen waren. Alles, aber auch alles wurde wieder hergerichtet und repariert. Auch mein Vater hatte immer wieder Ideen, wie man aus diesen kaputten Sachen etwas Brauchbares machen konnte.
Eines Tages nun kamen meine Eltern wieder von so einer Ausgrabung nach Hause, wir wohnten vorübergehend in Fronberg bei den Großeltern und brachten unter anderem auch die Schachtel mit, in der unsere Krippenfiguren verstaut waren. Sie war wie alles andere zerrissen verbeult und zerdrückt. Erwartungsvoll schauten wir zu, als meine Eltern vorsichtig die Figuren auspackten. Wir sahen, daß keine den Angriff heil überstanden hatte. Alle hatten sie kleinere oder größere Blessuren abbekommen. Dem einen Hirten fehlte das Bein, dem anderen der Arm, der Wasserträgerin die Nase, der heiligen Maria ein Stück aus ihrem Schleier und auch die Schäfchen wurden nicht verschont. Aber am Schlimmsten hatte es den heiligen Josef erwischt, dem fehlte der Kopf. Vor uns standen lauter Invaliden. Wir waren alle etwas ratlos und sehr traurig und da zu der Zeit ja gerade Frühling war, wurden die Figuren wieder vorsichtig eingepackt und aufgehoben.
Die Monate vergingen, mittlerweile war auch der Krieg zu Ende und die Zeiten wurden wieder etwas ruhiger. Wieder einmal stand Weihnachten vor der Türe. In der Zwischenzeit hatten wir auch eine Notwohnung gefunden. Wir Kinder wünschten uns so sehr eine Krippe. Da es ja nichts zu kaufen gab, oder auch für solche Ausgaben das Geld fehlte, erinnerte sich mein Vater an unsere kriegsverletzten Krippenfiguren. Er holte die Schachtel vom Speicher und packte sie auf dem Küchentisch aus. Voller Spannung schauten wir zu, als er in einer Schüssel einen dicken Brei aus Gips anmachte und begann die einzelnen Figuren zu reparieren. Arme, Beine, Hände und auch alle anderen kleineren und größeren Verletzungen wurden mit Gips ersetzt, beziehungsweise ausgebessert. Aufmerksam verfolgten mein Bruder und ich das Geschehen und wir passten genau auf, daß mein Vater auch ja nichts vergißt. In Reih und Glied standen die Figuren auf dem Küchentisch. Nun kam auch noch der heilige Josef dran. Er bekam einen neuen Kopf. Zwar schaute er hinterher recht finster drein! Aber das störte uns Kinder gar nicht. Nun wurden die Figuren in die Nähe des Ofens gestellt, damit sie trocknen konnten. Dann wurden die ausgebesserten Stellen mit Wasserfarbe bemalt. Wir waren begeistert von den künstlerischen Fähigkeiten unseres Vaters.
Unsere damalige Küche war sehr klein und es spielte sich das gesamte Familienleben darin ab, aber es breitete sich eine Weihnachtsstimmung aus, wie ich sie in meinem ganzen Leben nicht mehr erlebt habe. Am Heiligen Abend wurde die Krippe nun aufgestellt. Mein Vater hatte noch einen Stall gebastelt und mit Moos und kleinen Zweigen verziert. Da standen sie nun, unsere kriegsverletzten Krippenfiguren.
Von heutiger Sicht aus ein schon etwas trauriger Anblick. Ähnelten sie doch sehr den damaligen Menschen, denn Menschen mit Kriegsverletzungen waren zu der Zeit keine Seltenheit. Für uns Kinder jedoch war es trotzdem die schönste Krippe der Welt.
Einige Jahre wurde diese Krippe am Heiligen Abend aufgestellt. Doch dann mußte auch sie dem Wirtschaftswunder weichen. Eine Neue wurde gekauft.
(C) Gabriele Rathey