Das „Smart Phone“ hat aus dem Menschen eine oberflächlich denkende und ebenso handelnde Spezies gemacht. Das Selfie – das Eigenportrait – degradiert nicht nur historische Kulissen, sondern vielmehr den Macher selbst zur Profanität.
Reisen bedeutete einst: neue Orte entdecken, Eindrücke sammeln – mit allen Sinnen. Man stand vor einem Bauwerk, ließ die Hand über den kalten Stein gleiten, roch den Staub alter Mauern, spürte das Gewicht der Geschichte. Wirkliches Verstehen entsteht nicht durch ein schnell geschossenes Foto, sondern durch die Begegnung mit der Sache selbst. Man begreift nur, was man auch im wahrsten Sinne des Wortes begriffen hat. Wer eine alte Steinmauer berührt, spürt die Kälte, die Unebenheit, die Jahrhunderte, die in ihr eingeschrieben sind. Wer das Gewicht einer bronzenen Tür zieht oder den Klang von Schritten auf altem Pflaster hört, erkennt Geschichte tiefer, als jedes Display sie zeigen könnte. Dieses begreifen verbindet uns mit den Generationen vor uns – und macht Kultur zu einem lebendigen Erbe, nicht zu einer austauschbaren Kulisse.
Heute ist vieles anders. Kultur ist nur noch Kulisse. Schnell hin, Selfie machen, schnell wieder weg. Entdecken, Eintauchen in Geschichte, Zusammenhänge? Unwichtig. Wie oberflächlich muss das Leben derjenigen sein, die sich vor etwas ablichten lassen, dessen Namen sie vielleicht kennen – und im besten Fall noch die ersten zwei Zeilen aus einer vermeintlichen „Enzyklopädie“ zitieren können?
Für eine Statusmeldung auf Facebook, WhatsApp oder Instagram, für ein paar Sekunden Ruhm auf TikTok, muss man nichts wissen. Nicht warum dieses Bauwerk entstand, nicht welche Generationen es erschufen, nicht welche Bedeutung es für die Menschen hatte. Es genügt: „Ich war da und du nicht. Zwinkersmiley!“
Doch so funktioniert Geschichte nicht. Geschichte lebt nicht davon, dass man Selfies vor Kathedralen schießt. Niemand versteht Geschichte, dem man den Titel eines Bauwerks unter ein Instagram-Bild schreibt. Geschichte erlebt man nur, wenn man sich intensiv mit ihr auseinandersetzt. Wie will man historische Zusammenhänge verstehen oder gar vermitteln können, wenn man Geschichte nur als Pixel auf einem Smartphone kennt?
Unsere Kultur ist kein Wegwerfprodukt. Sie ist das Ergebnis jahrhundertelanger Schöpfung, geprägt von Schweiß, Leid, Hingabe und dem Glauben an etwas Größeres. Ein Selfie, das morgen schon aus der Timeline verschwunden ist, beleidigt im Grunde post mortem diejenigen, die all das erschaffen haben.
Es geht nicht darum, Erinnerungen festzuhalten – das ist menschlich. Es geht darum, wie wir es tun. Wer Kultur nur als Kulisse benutzt, entwertet sie – und wird selbst zur Fassade seiner selbst. Wer sie wirklich erleben will, muss stehen bleiben, innehalten, sich mit ihr beschäftigen. Denn Kultur lebt nicht durch schnelle Bilder, sondern durch Verständnis. Und wer verlernt, seinen Verstand zu benutzen, der … das überlassen wir nun Ihnen.