Internet verändert den Menschen. Foto: (c) Maksim Samasiuk - fotolia.com
Internet verändert den Menschen. Foto: (c) Maksim Samasiuk - fotolia.com

Wo sind die Grenzen der Virtualität?

Erst gestern ist es mir selbst passiert: Ein Freund saß am anderen Ende des Tisches und anstatt aufzustehen, zu ihm zu gehen, und von Angesicht zu Angesicht mit ihm zu sprechen, habe ich ohne lang zu überlegen zum Mobiltelefon gegriffen und ihm über eine „App“ eine Nachricht geschickt. Es kann alles so einfach sein. Die Gefahr jedoch: Der persönliche Kontakt geht mehr und mehr verloren.

Das Internet hat den Menschen verändert; in seinem Denken, Handeln und vor allem in seiner persönlichen Aussenwirkung. Ist es wirklich modern, nur noch einer von Millionen anderer Datensätze in sozialen Netzwerken zu sein und zu reagieren, wenn die Maschine in der Hand „pling“ macht? Leben funktioniert nicht in millisekundengetakteter Echtzeit. Nein, das „gefällt mir“ nicht!

Viel Gezwitscher – wofür?
Früher, also vor der Zeit virtueller Kamine, denen man sich unter den Augen der Öffentlichkeit 24 Stunden und sieben Tage die Woche vermeintlicherweise anvertrauen kann, hat man das, was man loswerden wollte, öffentlich bei Demos getan. In den 60er Jahren gab es die Frauenbewegung, heute tut Frau ihren Unmut über soziale Netzwerke kund.

Der Twitter-Eintrag „Männer nehmen den alltäglichen Sexismus gar nicht wahr“, rüttelte Tausende Virtuelle wach, um Rainer Brüderles Verhalten gegenüber einer Journalistin zu missbilligen und eigene Erfahrungen sexueller Angriffe zu schildern. Die Krux dabei: Maximal 140 Zeichen müssen reichen, um den „Tweet“ – also den Eintrag – so realistisch wie möglich zu gestalten. Eine der Twitter-Protagonistinnen, Anne Wizorek, schaffte es sogar bis zu Günter Jauch in dessen Sonntag-Abend-Talkshow in der ARD. Großes Lob dafür, dass ein „Gezwitscher“ so viel Öffentlichkeit erlangt. Und dennoch muss die Frage gestattet sein, warum von den Tausenden Tastatur-Junkies am Ende nur ein Häufchen übrigbleibt, das sich auch in der Realität was zu sagen traut, so dass es auch wirklich alle hören!

Wir machen uns zu gläsernen Datensätzen
Für die einen ist das Internet ein Beitrag zur Demokratie und ganz persönlicher Freiheit, für die anderen die genialste Werbemaschinerie, die jemals erfunden wurde. StudiVZ, Google+, Facebook, Twitter, XING – wie sie auch alle heissen mögen – sie alle verfolgen das Ziel, mit möglichst vielen Mitgliedern möglichst viel Gewinn zu erzielen. Einige sind Bezahlplattformen, der größte Teil ist jedoch kostenlos. Und hier liegt das Problem der Sache: Zum Spaß an der Freud‘ werden solche Plattformen nicht geschaffen. Es stecken stets monetäre Absichten dahinter. Das aktuell beliebteste Beispiel ist Facebook. Fast freiwillig gibt jeder seine persönlichsten Daten preis, informiert seine Freunde darüber, was er gerade macht, wo er ist, was er am liebsten hat, welche privaten Interessen er hat – im Grunde genommen alles, was einen Menschen ausmacht.

Facebook nutzt die persönlichen Informationen für Werbezwecke. Am Offensichtlichsten dürften für die Nutzer die Werbeeinblendungen sein, die rechts am Rand erscheinen. Sie werden je nach Nutzer- und „Like“-Verhalten generiert und, da schau her, man kann sie sogar individuell bestimmen. Ich persönlich mag es, Facebook zu irritieren, indem ich mir ab und zu den Spaß erlaube, jede Anzeige als „uninteressant“ zu kennzeichnen. Doch irgendwann klickt auch der Hartgesottenste … und Facebook verdient. Es gibt nur eine einzige Regel, dem gläsernen Sklaventum zu entkommen. Soziale Netzwerke grundsätzlich meiden – geht das noch?

Das Internet weiß alles
Unter dem Titel „Nackt im Netz“ veröffentlichte der „Stern“ im Januar 2009 einen Artikel über das große Leiden mit „virtueller Vergangenheit“. Da das Netz nie etwas vergisst – dafür sorgt unter anderem die Seite www.archive.org – kann es sich an jede Kleinigkeit erinnern, die Mann/Frau in der Virtualität hinterlegt hat.

Die Verbindungen sind meist einfach herzustellen: Über E-Mails, die sorglos hinterlegt werden, Fotos, Kommentaren in Gästebüchern, Foren, etc. Die modernen Suchmaschinen kommen mittlerweile Supergehirnen sehr nahe. Und wer nicht aufpasst, bleibt für immer darin gefangen. Ein relativ aktuelles Beispiel: Gibt man bei Google „Wulff“ ein und tippt anschließend nur den Buchstaben „P“ werden Hunderte von Möglichkeiten über das angebliche Vorleben der Ex-Bundespräsidenten-Ex-Gemahlin ausgeworfen. Ob richtig oder falsch ist den Suchmaschinen egal. Der Mensch ist geschändet – sein Leben lang.

Noch zwei Beispiele aus dem „Stern“-Artikel:
1. Eine Fotografin fand auf mehreren Websites Fotos, die sie beim Sex zeigten. Ein Ex-Freund hatte die Bilder hochgeladen, nachdem sie sich von ihm getrennt hatte.

2. Ein Arzt hatte vor Jahren in einem Selbsthilfe-Forum eine Frage zu seinen gelegentlichen Angstzuständen und Panikattacken gestellt. Eines Tages schrieb ihm ein Patient, er benötige seine Hilfe nicht mehr, da der Arzt offenbar selbst Hilfe brauche.

Unser Rat: Bedenken Sie, was Sie im Internet tun und was Sie dort über sich preis geben. Denn das Internet weiß alles und vergisst nie.

Von Rainer Wittmann