Herz-Schmerz, um den Weltschmerz besser zu verarbeiten. Foto: (c) everett225 - depositphotos.com
Herz-Schmerz, um den Weltschmerz besser zu verarbeiten. Foto: (c) everett225 - depositphotos.com

Schlager: Aurale Anti-Depressiva

Jedes Jahr dasselbe: Weihnachten mit viel Schmalz
„Vergangenes Weihnachten schenkte ich dir mein Herz. Doch schon am nächsten Tag hast du es verschenkt. Um mich vor einer weiteren Enttäuschung zu schützen, gebe ich es dieses Jahr jemandem ganz Speziellen.“ So oder ähnlich würde man den Schlager-Weihnachtsklassiker „Last Christmas“ der Pop-Gruppe Wham ins Deutsche übersetzen und damit genau ins Schwarze treffen. Denn jedes Jahr dudelt er zig tausende Mal über den Äther und jedes Jahr berührt er seine Zuhörer aufs Neue. Er lässt die Kassen klingeln und beschwört in seinen Zuhörern temporäres Glück und Freiheit, die allerdings „weder unsere Seele noch unsere Gesellschaft“ therapieren. Dieser Meinung ist Byung-Chui Han, Professor für Philosophie an der Universität der Künste Berlin.

Das ganze Jahr über besteht unser Leben nur aus Stress, Hektik und Ansprüchen. Das ganze Jahr über fühlt man sich überfordert, staut in sich Ängste an, Fehler zu machen, optimiert man sich zu Tode. Da kommen einem dann musikalische Primitiv-Klänge ganz gelegen, um sich – wenigstens für ein paar Minuten oder auch Stunden – geborgen zu fühlen. „Für eine wirkliche Therapie sind aber Schlager nicht geeignet“, so Han.

Im Grunde können wir uns glücklich schätzen
Seien wir doch mal ehrlich: Eigentlich geht es uns doch richtig gut. Vor allem uns Oberpfälzern. Die Arbeitslosigkeit liegt aktuell bei drei Prozent; Absoluter Spitzenreiter in ganz Europa. Wir leben in einer herrlichen Gegend, können günstig wohnen, haben optimale Versorgung und Verkehrsanbindungen in die ganze Welt. Müssen wir uns wirklich an musikalischen Seelenklempnern orientieren oder reicht es einfach, den Schalter in uns selbst umzulegen?

Gegen den Optimierungswahn
Anstatt Angst vor seinen Fehlern zu haben, wie wäre es, einfach mal einen Fehler zu machen? Anstatt Angst davor zu haben, eine falsche Entscheidung zu treffen, wie wäre es, würde man einfach mal eine falsche Entscheidung treffen? Ohne jeden Tag mit überforderten Ansprüchen zu versuchen, sich, seine Lebens- und Arbeitsabläufe noch besser zu optimieren, wie wäre es, einfach mal drauf los zu leben?

Man muss nun nicht wirklich zusammen mit Helene Fischer gemeinsam auf das „höchste Dach dieser Welt steigen“, oder mit ihr „mit Vollgas gegen die Wand“ fahren. Das eine geht nicht, das andere tut sakrisch weh.

„Schlager wirken anästhesierend“, weiß Professor Han. „Sie betäuben die Seele“, sagte er gegenüber der Wirtschaftswoche. Den Ohrwurm im Kopf„setzen (wir) das Vorherrschende fort unter dem schönen Anschein der Alternativlosigkeit.“ Auch dieses Jahr geht in Kürze zu Ende. Und es beginnt ein neues. Gute Vorsätze macht man sich immer gerne um diese Zeit.

Wie wäre es, seine gefühlstechnische Welt genauer unter die Lupe zu nehmen und anstelle von Extremsprüngen zwischen höchster, ausnivellierter Arbeitsleistung und primitivem Flüchten einen gesunden Mittelweg zu finden. Weniger ist oftmals mehr. Und auf Dauer gesünder.

Von Rainer Wittmann

Alter
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