Das Hampelmann-Prinzip
Wo ist der Reiz an 'frewilliger Selbstkontrolle'. Foto: (c) ChenPG - fotolia.com

Das Hampelmann-Prinzip

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Der Film Matrix (1999) ist Science-Fiction. Er hat mittlerweile Kult-Status für Abermillionen von Menschen. Die Wachowsky-Brüder versinnbildlichten bereits damals das Misstrauen gegenüber neuer Computertechniken und vermittelten den Kino-Besuchern, die Welt im Ganzen zu hinterfragen und nicht alles für „normal“ zu erachten.

Heute, 15 Jahre später, sind wir mitten drin in der „Matrix“. Wo fangen wir an? Smartphones überwachen uns auf Schritt und Tritt, senden sekündlich Daten an mächtige Server, betreut von noch mächtigeren Konzernen. So viel zur Theorie. „Wir werden manipulierbar und unfrei“, erkannte auch die Schriftstellerin Juli Zeh, die sich mit neuartigen Methoden von Versicherungen beschäftigte; Kunden zu belohnen für den Fall, dass sie persönliche Daten freigeben und sich somit finanziell Boni erkaufen. Groß-Konzernen alles persönliche auf dem virtuellen Tablett servieren? Wieviel lauf ich am Tag? Was esse ich wann und wieviel? Vielleicht auch noch wann ich mit wem und wie lang Sex habe, weil das ja auch zum Bereich Kalorienverbrauch zählt. Wieviel ist einem das eigene Leben eigentlich wert? Oder matrisch gefragt: Welche Tablette hast du geschluckt?

Jeder ist sich selbst am nächsten
Noch vor einigen Jahren wollten die Menschen frei sein. „Wir sind das Volk“, skandierten sie an der zerbröckelnden Mauer. Heute scheint dieses grundlegende Bedürfnis vollkommen anders interpretiert zu werden. Der Trend geht zur „freiwilligen Selbstkontrolle“. Die Uhr am Arm, die unseren Puls kontrolliert, die App in der Hosentasche, mit der ich meine Persönlichkeit an Großkonzerne verkaufe. Noch nie war es so einfach, an individualisierte Daten von Menschen heranzukommen. Sei es zu Marketing-Zwecken, oder, wie es eine große Versicherung vormacht, um Beiträge auf die Versicherten abzustimmen. Klar, wer jung und dynamisch ist, dem ist es letztlich egal, was die Krankenversicherung mit den Daten macht. Weil, man is ja gesund und sportlich auf seinem Höhepunkt. Und im Alter? Da wenden die Konzerne die Daten gegen dich an!

„Der Mensch ist ein Sozialtier und soziale Ordnungen beruhen immer auf Hierarchen, also Rankings“, sagte die Schriftstellerin Juli Zeh gegenüber der Süddeutschen Zeitung. „Je mehr wir ‚vermessen‘ werden, desto mehr werden wir verglichen. Und desto stärker gehorchen wir Mechanismen, die wir in Wahrheit nicht selbst kontrollieren.“ Wir können sie auch nicht kontrollieren, weil sie von Großkonzernen nach dem Hampelmann-Prinzip für uns konzipiert wurden.

Dieses Prinzip widerspricht im Grunde genommen jedem freidenkerischen Handeln und Sein. Der Mensch verkauft seine Individualität für ein paar Euro mehr und wird damit zu seiner eigenen Währung. „Wir bezahlen mit unserer Intimität“, sagt auch Juli Zeh. Damit geht auch der Gedanke der Solidargemeinschaft verloren. Persönliche Freiheit resultiert nicht aus Ignoranz gegenüber anderen, kranken, nicht so fitten Menschen. Persönliche Freiheit ist das Ergebnis von Sicherheit in einer sich respektierenden Gemeinschaft.

Von Rainer Wittmann